Blaulichter, Frontblitzer blaue Rundumleuchte


  • Frontblitzer für innen

  • Seiten

  • Aktuelle Themen im Forum



  • Produkte

  • Schulpraktikum

    1993

    Für die Achtklässler der Stader Realschule stand ein Berufspraktikum an. Die Mehrheit der Mädchen hatte sich eine Praktikumstelle bei einem Arzt, im Einzelhandel oder im Büro gesucht. Die Masse der Jungs wollte KFZ-Mechaniker werden, bei einer EDV-Firma hinter die Kulissen blicken oder auf dem Bau arbeiten.
     
    Torsten musste mal wieder aus der Reihe tanzen. Ihm gefiel keiner der vorgenannten Jobs. Für ihn kam eigentlich nur eins in Frage. Ein Praktikum bei der Berufsfeuerwehr.
     
    Die Lehrer hatten gestaunt. Solch Praktikumswunsch hatte es an der Schule noch nie gegeben. In Stade gab es auch keine Berufsfeuerwehr. Die Lehrer wussten nicht Recht, etwas mit diesem Wunsch anzufangen. „Wenn Du alle Probleme selber löst, darfst Du das Praktikum bei der Berufsfeuerwehr machen“, hatten sie ihm gesagt. Vermutlich waren sie davon ausgegangen, dass ein dreizehnjähriger sich eh nicht durch die Mühlen der Verwaltung kämpfen kann, wenn die Lehrer schon nicht wussten, wo sie bei diesem Thema ansetzen sollten.
     
    Die Lösung des Themas war im Grunde sehr einfach. Berufsfeuerwehrmann ist kein Ausbildungsberuf. Daher kann man darin auch kein Schulpraktikum absolvieren. Die Lehrer aber kamen auf diese Lösung nicht.
     
    Torsten kam sehr schnell darauf. Ein Anruf bei der Feuerwehr in Hamburg hatte gereicht, um das herauszufinden. Torsten war enttäuscht aber er wollte nicht so einfach aufgeben. „Am Telefon können die mir viel erzählen“, dachte er. Mit Erlaubnis seiner Eltern fuhr er mit dem Zug nach Hamburg. Er wollte persönlich für einen Praktikumsplatz bei der Feuerwehr kämpfen.
    So stand er erstmalig vor dem großen Gebäude der Hauptfeuerwache am Berliner Tor in Hamburg. Ein Gong ertönte und an einer Anzeigetafel blinkte „22B“. Zweiundzwanzig stand für die Wache Berliner Tor, der Buchstabe B stand für den zweiten Rettungswagen dieser Wache, welcher nun ausrückte. Torsten fragte sich bei einem langsam arbeitenden Pförtner durch und wurde zu einem Zimmer im vierten Stock geschickt. Ein Sachbearbeiter saß geradebei seinem Pausenbrot und bat ihn herein. Torsten durfte ausführlich erzählen, warum er unbedingt sein Praktikum bei der Feuerwehr machen wollte. Der Sachbearbeiter hatte verstanden, dass ihm hier nicht irgendein Junge gegenüber saß, sondern ein Junge, der unbedingt zur Feuerwehr wollte, egal wie und mit welchen Mitteln.
     
    „Wir können Dich nicht drei Wochen im Einsatzdienst mitlaufen lassen. Das geht auf gar keinen Fall.“ Der Sachbearbeiter guckte über seine Brillengläser hinweg. „Aber ich mache Dir einen Vorschlag. Du machst Die Praktikum hier bei uns in der Verwaltung und ich verspreche Dir, dass Du einiges zu sehen bekommst. Wie Du jeden Tag nach Hamburg und zurück kommst, ist Deine Sache“, sagte der Beamte.
     
    Torsten hatte es geschafft. Praktikum bei der Feuerwehr. Auf keinen Fall durften die Lehrer mitbekommen, dass es nur ein Verwaltungspraktikum war. Denn ins Büro hätte er auch in Stade gehen können. Das hätten die Lehrer niemals mitgemacht, soviel war sicher.
     
    Zwei Monate später war es soweit. Die Lehrer hatten zugestimmt, im Glauben, Torsten würde ein Praktikum als Berufsfeuerwehrmann machen. Kein Lehrer hatte sich mit der Thematik befasst oder gar bemerkt, dass Feuerwehrmann kein Ausbildungsberuf war. Die Übernachtungsfrage war auch geklärt. Torstens Großeltern lebten in Hamburg. Dort konnte er für die Dauer des Praktikums wohnen. Jeden Morgen brachte sein Opa ihn zum Berliner Tor und am Abend holte er ihn wieder ab. Am Wochenende fuhr er mit der Bahn nach Hause.
    Nun also konnte das Praktikum beginnen.
     
    Es war Montag, acht Uhr. Voller Erwartungen und Tatendrang traf Torsten an der Feuerwache Berliner Tor ein. Die Büroflure waren fast menschenleer. Raum 3.12 war abgeschlossen. Dort sollte er sich heute früh melden. Er setzte sich auf eine Bank auf dem Flur und wartete. Ungeduldig sah er zu, wie der Zeiger der großen Uhr über der Bürotür nur schleppend voran kam. „Wo bleiben die denn? Die vertrödeln hier meine Feuerwehrzeit“, dachte Torsten ungeduldig. Gegen kurz vor neun kam dann Herr Ogrodnik, der ihm zugewiesene Sachbearbeiter. „Wir fangen hier nicht so früh an“, sagte Ogrodnik. „Jetzt kochen wir erstmal ein Schwarzwasser und dann gucken wir mal wie das Wochenende der Kollegen so war.“ Ogrodnik kochte sich einen Kaffee und Torsten überlegte, woher er den Namen Ogrodnik kannte. Möglicherweise war es der Nachbar von Willy Tanner aus der Serie ALF. Jener Nachbar, von dem ALF eines Nachts dachte, er würde seine ermordete Ehefrau im Garten verscharren. Torsten erinnerte sich, dass die Ehefrau am Ende der Geschichte gar nicht tot war. Aber ob der Nachbar von ALF wirklich Ogrodnik hieß, war er sich nicht sicher. Naja – zumindest hatte dieser Ogrodnik bei der Feuerwehr Hamburg eine Frisur wie Willy Tanner, eventuell auch ein wenig wie Günter Netzer. Dazu ein bisschen die Nase von ALF. Somit schloss sich der Kreis wieder.
     
    Ogrodnik plauderte mit der ganzen Feuerwehrwache. Zumindest kam es Torsten so vor. Torsten kam sich blöd vor, ihm immer hinterher zu gehen. Zumal keiner von Ogrodniks Kollegen Notiz von Torsten nahm. Ogrodnik hielt es auch nicht für erforderlich, den Kollegen Torsten vorzustellen. Endlich gingen sie in Ogrodniks Büro zurück. „Jetzt geht’s endlich los“, freute sich Torsten. Aber für den Anfang durfte er erstmal Karteikarten von Mitarbeitern sortieren.
    Draußen erklang ein Alarmgong. Lange und kurze sowie hohe und tiefe Töne wechselten sich ab. So ging es über den Tag verteilt recht häufig zu. Jedesmal wollte Torsten ganz genau wissen, was denn der gerade gehörte Ton zu sagen hatte und wer denn nun alarmiert sei. Irgendwann war Ogrodnik von der detaillierten Fragerei ziemlich genervt. „Wir gehen mal runter zum Einsatzdienst“, meinte Ogrodnik. „Das scheint Dich zu interessieren.“ „Ziel erreicht“, dachte Torsten als Sie die Treppe runtergingen.
     
    In der Fahrzeughalle trafen sie einen älteren Feuerwehrmann. „Das ist Herrmann Behrens, unser alter Haudegen ist am längsten hier“. Ogrodnik stellte Torsten als Praktikanten vor. „Ich zeig Dir mal den RTW. Den und die Drehleiter fahre ich heute.“ Torsten staunte. Wie konnte Herrmann denn zwei Fahrzeuge fahren? Er erklärte es ihm. Die Drehleiter und der vierte Rettungswagen wurden beide relativ selten benötigt. Somit ist die selbe Besatzung für beide Fahrzeuge zuständig. Was dann zuerst benötigt wird, würde von ihm besetzt werden, erklärte Herrmann. „Gleich kommt die Geschichte von den zweiundzwanzig unfallfreien Jahren“, flüsterte Ogrodnik einem anderen Feuerwehrmann ins Ohr und lehnte sich abwartend gegen eine historische Pumpe, die in der Halle als Dekoration diente. Und als wäre das das Zeichen für den Start gewesen begann Herrmann zu erzählen. „Zweiundzwanzig Jahre fahre ich hier nun Einsätze. Was glaubst Du, mein Junge, wieviel Unfälle ich gehabt habe? Richtig! Nicht einen einzigen!“, beantwortete Herrmann sich seine Frage gleich selbst. „Und nächste Woche gehe ich in Pension. Dann bin ich hier der ewig unfallfreie Herrmann.“
     
    Ein Alarmgong ertönte. „22D“ blinkte auf der Anzeigetafel. Hermann´s  Kollege kam mit dem Alarmfax. Auf dem Fax stand genau der Einsatzort und der Einsatzgrund. Herrmann zog den Stecker der Stromversorgung aus dem Fahrzeug und stieg ein. Das Rolltor öffnete sich. Am Rettungswagen gingen Blaulicht und Martinshorn an. Hermann rückte aus.
     
    „Komm mal her“, sagte Ogrodnik. Er öffnete die Tür eines PKW, welcher ebenfalls in Feuerwehrfarbe lackiert war und ein Blaulicht auf dem Dach hatte. KLF stand au dem Auto. KLF stand für Kleinlöschfahrzeug. Mit diesem Fahrzeug wurden kleine Einsätze gefahren, ebenso wie Besorgungen. Ogrodnik schaltete das Funkgerät ein. Torsten war in seinem Element. Er saß vor einem richtigen Feuerwehrfunkgerät. Wenn Ogrodnik nur wüsste, dass hier gerade einer der besten Funker aus ganz Hamburg saß… – zumindest in der Theorie. Denn Torsten konnte zwar sehr gut funken aber nie hatte er das Gelernte mit einem richtigen Funkgerät ausprobieren können. „Mal hören was so los ist“, sagte Ogrodnik.
     
    „Hier Florian Hamburg, kommen“, kam es aus dem Lautsprecher. Hermann´s Stimme erklang: „Hier Florian Hamburg Rettungswagen 22 Dora, Eigenunfall, C-Dienst und Pol anrücken, kommen.“ Ogrodnik lachte laut los und stürmte ins Wachbüro. Hey Leute, Ihr glaubt es nicht! Herrmann hatte einen Unfall!“. Die anderen Feuerwehrleute fanden das weniger komisch als Ogrodnik. Eigenunfall bedeutete, er hatte selber einen Unfall gehabt. C-Dienst war die zuständige Führungskraft der Feuerwehr und Pol stand für Polizei. Beide wollte Hermann zu seinem Unfall hinzu geschickt bekommen. Für Hermann war es jedenfalls aus mit der ewig unfallfreien Zeit. Passiert war glücklicherweise weder ihm noch anderen etwas.

    Nächstes Kapitel: Löschknechte, Teppichklopfer und Daddelautomat